Julchen, die hübsche Foxterrier-Dame

In Blankenese bei Hamburg lebte eine kleine niedliche freche Foxterrier-Dame namens Julchen zusammen mit ihrem Frauchen, Frau von Franzen, in einem herrlichen Haus mit schönem weitläufigen Garten rundherum. Julchen wurde sehr verwöhnt und außerordentlich geliebt von ihrem Frauchen, denn die Hausherrin war seit längerer Zeit Witwe und hatte nur noch Julchen und Butler Josef als Gesellschaft.

Frau von Franzen - die einst sehr attraktive Dame, jetzt in reiferen Jahren etwas rundlicher geworden - hatte zum Leidwesen von Julchen wenig Interesse, mit der Kleinen durch die Gegend zu laufen, geschweige denn herumzutoben. Lautes Bellen war bei Frauchen verpönt und wildes Herumlaufen oder schmutzig machen desgleichen.

Die Hausherrin war eine vornehme Dame in den besten Jahren, legte sehr viel Wert auf ihr Äußeres und es wäre nie vorgekommen, dass sie ohne Make up, guter Frisur oder nicht angemessener Kleidung das Haus bzw. das Anwesen verlassen hätte.

So kam es, dass meist Butler Josef mit Julchen im weitläufigen Park rund ums Haus, oft an der Leine spazieren musste oder wenn Frauchen Einkäufe zu erledigen hatte, Julchen mit in die Stadt genommen wurde, natürlich herausgeputzt.

Die kleine Hundedame hatte ein wunderbares edles Lederhalsband mit echten Goldverzierungen rundum. Bei schlechtem Wetter zierte ein rot kariertes Regenmäntelchen das hübsche Hundemädchen und die Leine passte selbstverständlich farblich einwandfrei dazu. Immer, wenn Frauchen Freundinnen in der Stadt traf im Cafe oder in der Boutique, wurde Julchen ob ihrer Niedlichkeit und hübschen Ausstattung bewundert, gestreichelt und gelegentlich auch mit Leckerbissen verwöhnt.

Trotz alledem war Julchen unglücklich und dementsprechend unzufrieden. Dabei hätte die kleine Hundedame glücklich sein können, lebte sie doch in den allerbesten Kreisen.

Der niedliche Hund war wirklich ein hübsches Exemplar seiner Rasse. Hatte weiches, gepflegtes, lockig-helles Fell, wunderschöne kluge schwarze Äuglein, ein keckes immer kaltes Schnäuzchen und die kleinen Ohren waren meist gespitzt und aufmerksam. Julchen liebte sehr die Streicheleinheiten von Frauchen, trotzdem fehlte etwas Entscheidendes zum Hundeglück, aber nur was?

Wenn Frau von Franzen ihren Bridge-Nachmittag hatte, war es noch viel schlimmer für Julchen. Die Bridge-Damen waren ja so begeistert von dem überaus niedlichen Hundchen und fütterten es mit Keksen und hie und da auch mit Pralinen.

"Oh, wie süß ist Julchen doch immer …" oder …"ein zauberhaftes Hündchen die Kleine und wie klug …" waren dann die üblichen Redewendungen der reifen rundlichen Bridge-Damen, die Klein-Julchen nicht mehr hören konnte. Was war das nur für ein trauriges Hundeleben!

Das Foxterrier-Mädchen war unglücklich, klemmte dann das Schwanzende ein, ließ seine hübschen Ohren hängen und die sonst so aufgeweckten, schwarzen klugen Äuglein guckten missmutig und gelangweilt auf die aufgedonnerte, überdrehte und meist stark parfumiert riechende Damengesellschaft.

Julchen liebte Frauchen zwar, aber warum konnte Mutter Franzen nicht verstehen, dass ein Hund, auch wenn er klein war, nicht mal toben, laut bellen, dem geworfenen Stock oder dem rollenden Ball hinterher jagen und von Zeit zu Zeit auch mal mit dem Wasser Bekanntschaft machen wollte. Eben nur Hund sein möchte und kein Ausstellungsstück!

Immer, wenn Josef mit Julchen unterwegs war, wagte er nicht, die kleine Hundedame von der Leine zu lassen, Frau von Franzen hatte es verboten und so fühlte sich Julchen eingeengt, unverstanden und unglücklich. Butler Josef merkte dies zwar, konnte aber an der Situation nichts ändern. Er wollte ja seine Chefin nicht verärgern und die gute Position im Hause behalten. Der Butler hegte aber Bedenken, dass die kleine Vierbeinerin vielleicht früher oder später einmal doch weglaufen könnte ...

So kam es an einem späten Nachmittage - die Bridge-Damen waren gerade gegangen, Champagner war reichlich geflossen an diesem Tage, und Frau von Franzen - müde geworden - nun einen kurzen Nachmittagsschlaf auf ihrem bequemen Sofa in Anspruch nahm. Julchen fühlte sich unbeobachtet und wollte die kurze freie Zeit nützen.

Josef arbeitete im weitläufigen Garten, schnitt gerade Rosen für eine neue schöne Tischdekoration und Julchen, endlich ganz auf sich gestellt, ohne Leine und strenge Aufsicht nun die gute Gelegenheit sah, alleine die Gegend zu erkunden.

Das Foxterrier-Mädchen lief los, so schnell die kleinen Beinchen trugen, raus aus dem Haus, durch den großen Garten, schlüpfte ungesehen durch den Zaun ins Freie auf die Straße. Endlich frei und ungebunden, mal sehen, was es alles Schönes und Interessantes zu entdecken gab.

Die vielen Autos auf der Straße jagten Julchen Angst ein und ein zu schnell fahrender Porsche hätte die Kleine beinahe überfahren. "Dummer Köter, pass doch auf, weg da …" brüllte der rasante Autofahrer verärgert. Erschrocken sprang der kleine Hund zur Seite und drückte sich ängstlich an die Hausmauer, um nicht angefahren zu werden. Da hörte die kleine Ausreißerin ein gefährliches, drohendes Knurren ganz in ihrer Nähe. Ein riesiger Schnauzer, schwarz wie die Nacht, trabte bedrohlich schnell auf sie zu und fletschte gefährlich seine spitzen Zähne. Jeden Augenblick wollte der große Schwarze zubeißen und das kleine Hundemädchen als Beute ansehen.

Wie konnte ein großer Hund nur so gefährlich und böse sein! Julchen war fassungslos!
Zuerst schreckensstarr, dann ganz flink auf ihren weichen Pfoten, sprang die Kleine gelenkig die Straße entlang und schlüpfte behände in die nächste offene Haustüre, die nur einen Spalt offen stand. Bevor der böse Schwarze folgen konnte, war Klein-Julchen nicht mehr zu sehen.

Das hübsche kleine Wollknäuel auf vier Pfoten hatte sich in einen Hinterhof und dann auf eine Kellertreppe gerettet. Dort saß die Ausreißerin nun, eingeschüchtert, zitternd, alleine und dachte an Mutter Franzen. Was Frauchen wohl sagen und machen würde, wenn Julchen nicht mehr wieder nach Hause käme ... Ihr kleines Hundeherz schlug schnell, aufgeregt und ängstlich …

Klein-Paul kam die Kellertreppe hoch gelaufen, er hatte gerade sein Fahrrad wieder auf den vorgesehenen Platz gestellt.

"Was machst du denn hier, du kleiner hübscher Hund … hast du dich verlaufen oder bist du ausgerissen?" fragte Paulchen verwundert und streichelte das kleine Julchen ausdauernd und liebevoll. "Du bist ja ein richtig hübscher Hund ..." stellte Paulchen anerkennend fest, nahm ein Stück Wäscheleine, welches nutzlos in einer Ecke auf der Kellertreppe lag und zog dieses durch Julchen´s schönes Halsband. "Komm mit du kleiner hübscher Hund, wir wollen spielen …" und flugs waren die beiden unterwegs … So rannten Klein-Paul und Julchen los zu einem nicht weit entfernten Spielplatz für Kinder und Hunde.

Julchen konnte es nicht fassen, dass andere Hunde auf dieser Wiese und im Sand toben durften, durch die Pfützen tapsten, sich trocken schüttelten und wieder und wieder durch das Wasser liefen. Oft den geworfenen Stöckchen nachstellten, Frisbys gekonnt aus der Luft fliegend fingen und Bälle als Spielzeug ansahen und hinterher tobten, so schnell die Pfoten trugen. Die kleine Hundedame war nun eine von ihnen, was für ein herrliches Gefühl …

Von Leine, Mäntelchen oder sogar Schleifchen zur Verschönerung war bei diesen Hunden nichts zu sehen. Sie waren ganz einfach Hund und genauso wollte Julchen jetzt auch sein.

Paulchen und die kleine Terrier-Dame liefen um die Wette, beide tobten sie vergnügt durchs Wasser und das geworfene Stöckchen wurde immer wieder zu Paul zurückgebracht. Julchen konnte und wollte nicht genug bekommen von diesem wunderschönen Stöckchen-Spiel. Dazwischen, zur Erholung, wälzte sich die kleine Vierbeinerin ausgiebig im Sand und merkte, wie herrlich kühl und wohltuend dies war und wie schmutzig und unansehnlich man dabei werden konnte … Wie entsetzt würde wohl Frauchen Franzen jetzt sein, wenn sie Julchen so sehen könnte. Beinahe wäre das Terrier-Mädchen noch mit einem Langhaardackel-Herrn in Streit geraten, weil er, der dumme Kerl genau da hinlief, wo Julchen auch hinwollte und beide schmerzlich zusammen stießen.

Der ungalante Dackelherr, er müsste doch ausweichen und sehen, welch´ vornehme Dame sie doch wäre. Urplötzlich wurde Julchen sich ihrer Umgebung und ihres ungestümen Tuns bewusst. All die verbotenen Dinge, die sie getan hatte, die Frauchen eigentlich nicht billigte und auch nicht gerne sah, hatte die Kleine im Übermut getan und wie schmutzig sie nun war. Das schlechte Gewissen fing an schrecklich zu drücken.

Paulchen rief laut und eindringlich nach ihr, wollte sie wieder an die Wäscheleine nehmen, aber Julchen rannte so schnell die kleinen Pfoten trugen weg von dem Spielplatz in den angrenzenden Park und versteckte sich in einem der dichten Büsche.

Paulchen schrie, lockte und suchte intensiv nach der Ausreißerin, konnte nicht verstehen, dass die Kleine plötzlich wieder weggelaufen war. Traurig darüber, dass er das hübsche Hundchen nicht behalten konnte, lief er nach Hause.

Das Foxterrier-Mädchen hatte genug vom Toben, Baden und Wälzen, vom Streiten mit anderen Hunden und von den gefährlich schnell fahrenden Autos, wollte wieder nach Hause zu Frauchen. Aber wo war denn das schöne zu Hause denn nun?

In der Zwischenzeit war Frau von Franzen aus ihrem längeren Nachmittagsschläfchen erwacht und rief nach ihrem geliebten Hundchen. In Körbchen war die Kleine nicht, auch nicht im Haus und nicht im Garten, wo dann? Weit und breit war von Julchen nichts zu sehen und nichts zu hören.

Butler Josef bekam eine ausgiebige Moralpredigt, die er mit gesenktem hochroten Kopf und triefender Nase über sich ergehen ließ. "Warum hatten Sie nicht ein Auge auf meine verwöhnte geliebte Kleine! Sie sind dafür verantwortlich, dass in meinem Hause alles reibungslos und ohne Pannen verläuft und nun dies … ich kann es nicht fassen!" Frau von Franzen war nicht mehr zu beruhigen, ihre Stimme überschlug sich und war im ganzen Hause zu hören. Aber die kleine hübsche Vierbeinerin blieb verschwunden.

Josef wurde von der aufgebrachten Hausherrin ernsthaft aufgefordert, sofort alles liegen und stehen zu lassen und nach Julchen zu suchen, egal wo, nur gefunden sollte die Kleine werden und zwar sehr bald. Frau von Franzen war entsetzt, dass Julchen weggelaufen war und Josef dies nicht bemerkt hatte … So fuhr Butler Josef schnell den Geländewagen aus der Garage und brauste los, nur wusste er noch nicht genau wohin, nur erstmal weg von der aufgebrachten und wütenden Chefin. Der treue Butler wusste zwar von einem Spielplatz und einem Park in nächster Nähe, wagte aber nicht zu hoffen, dass Julchen dort sein könnte.

Josef war unschlüssig, traurig und begann zu suchen in den Hauseingängen der Umgebung, fragte viele Nachbarn, ob diese einen kleinen Foxterrier gesehen hätten und kam schließlich in den Park, wo er sich müde und ratlos auf eine Bank setzte und tief seufzend seine triefende Nase schnäuzte.

Wo sollte er denn noch überall suchen?
In seinem dicken Kopf schwirrten tausend trübe Gedanken.
Doch plötzlich und unerwartet zerrte es intensiv an seinem Hosenbein.

Es war ein kleiner Foxterrier, aber so sandig und schmutzig, dass Josef Julchen erst gar nicht erkannte. Als die Kleine freudig bellte und hochsprang, erkannte er sie, nahm sie selig in die Arme und versuchte erst einmal, Sand und Erde ein wenig aus ihrem dichten Fell zu schütteln. "Was wird Frauchen zu dir sagen, wenn sie dich so sandig und schmutzig wieder sieht du schlimme Ausreißerin. Ein wenig bürsten muss ich dich erstmal, so kannst du nicht nach Hause kommen ..." argumentierte Josef überglücklich und bürstete liebevoll über das dichte, lockige Fell von Julchen. Josef fiel ein großer Stein der Erleichterung vom Herzen, er hatte das geliebte Hundchen seiner Chefin wohlbehalten wieder gefunden.

Frau von Franzen konnte es gar nicht fassen und war außer sich vor Freude, dass ihr geliebter Hund endlich wieder bei ihr war. In der Zwischenzeit war es späterer Abend geworden. Trotzdem ordnete sie sofort ein gründliches Schaumbad für ihren Hund an, die Hausherrin war entsetzt über Julchen´s überaus schmutziges Aussehen!

Aber eines hatte Frauchen nun doch - zwar auf Umwegen - aber immerhin rechtzeitig erfahren müssen, dass ein Hund - und wenn er noch so klein und artig war - ausreichend Auslauf, Aufmerksamkeit, viel Beschäftigung und Spiel brauchte, um glücklich und gesund zu bleiben und nicht nur als herausgeputztes Ausstellungsstück diente.

Auch auf Schleifen, Mäntelchen und teure edle Halsbänder, wie auch auf Kekse und Pralinen legte ein Hund keinen Wert. Nur auf ein wenig Verständnis, genug Auslauf, interessante Beschäftigung und liebevolle Behandlung, dies hatte Frauchen nun endlich eingesehen. Ab diesem Tage konnte Julchen nach Herzenslust im Garten toben, sich im Gras wälzen, die weit weggeworfenen Stöckchen immer und immer wieder holen, auch im kühlen Springbrunnen baden, laut und ausdauernd bellen ohne dass Frauchen böse war oder Julchen rügte. Die glückliche Hausherrin lächelte dann nur leise und wissend in sich hinein. So lebten Frau von Franzen mit ihrem nunmehr sehr zufriedenen Julchen und Butler Josef glücklich und zufrieden bis an ihr seliges Ende ...


Quelle:

(Von Vera Maria Lafrenz ~ Veras Traumland)

Diese schöne Schmunzel-Geschichte wurde mir mit freundlicher Genehmigung von der Autorin Vera Maria Lafrenz für Askos Seite zur Weiterveröffentlichung zur Verfügung gestellt! Die Geschichte ist ebenso vertreten in ihrem Buch:

* Wenn Du noch träumen kannst *
Märchenbuch / 138 Seiten
Von Vera Maria Lafenz

Rosamontis Verlag / 2007
ISBN: 978-3-940212-061
9,20 € - Paperback und
15,50 € - Hardcover